Street Photography Berlin Mitte, Mai 2026 — was sich nach 12 Monaten KUG-Klarstellung verändert hat
Drei Wochenenden zwischen Rosenthaler Platz und Friedrichstraße. Was nach dem BGH-Urteil vom Sommer 2025 in der Praxis funktioniert — und was nicht mehr.
Im aktuellen Heft drei Berichtswochenenden aus dem Bezirk Mitte: Samstag und Sonntag, jeweils von acht Uhr morgens bis sechs Uhr nachmittags, mit drei Pausen, zwei Kameras, vier Objektiven. Die Route hat sich in der Praxis als brauchbarer Rahmen herauskristallisiert: Rosenthaler Platz, Hackescher Markt, Friedrichstraße bis zur Spree, Alexanderplatz, zurück über die Torstraße. Etwa elf Kilometer pro Tag, etwa 200 bis 300 Auslösungen pro Tag, davon vielleicht zehn brauchbare und ein bis zwei tatsächlich gute.
Was diesen Bericht von früheren unterscheidet, ist die Rechtslage. Seit dem BGH-Urteil vom Sommer 2025 zur Klarstellung des Kunsturheberrechtsgesetzes (KUG) gilt für Street Photography in Deutschland eine veränderte Schwelle. Sie ist nicht restriktiver geworden, wie viele befürchtet haben, sondern präziser. Was sich daraus für die Praxis ergibt, ist der Gegenstand dieser Notiz.
Was die KUG-Klarstellung ändert
Das BGH-Urteil hat im Wesentlichen drei Punkte festgeschrieben. Erstens: Personenfotografie im öffentlichen Raum bleibt grundsätzlich zulässig, solange die Aufnahme als Zeitgeschehen oder Beiwerk oder als künstlerische Arbeit im Sinne von § 23 KUG eingeordnet werden kann. Zweitens: Die Schwelle zur Detail-Identifizierbarkeit — definiert als Gesichtserkennbarkeit auf mehr als 50 % des Bildausschnitts — bedarf zumindest einer passiven Einwilligung, also einer Situation, in der die abgebildete Person die Kamera erkennt und nicht widerspricht. Drittens: Die Ausnahmen für klar erkennbares Beiwerk (Personen, die als Teil einer Szenerie auftreten, nicht als deren Subjekt) sind erweitert worden.
Was das praktisch bedeutet: Klassische Cartier-Bresson-Bilder mit anonymen Silhouetten in der Tiefe bleiben unproblematisch. Klassische Bruce-Gilden-Bilder mit Frontalporträts von Passanten in 50 cm Abstand sind seit dem Urteil deutlich schwieriger zu rechtfertigen. Was dazwischen liegt — die meisten brauchbaren Street-Aufnahmen — hängt von der Distanz, dem Kontext und der erkennbaren Reaktion der Abgebildeten ab.
Praxis-Techniken Mai 2026
Zone Focusing bleibt die zentrale Technik. Hyperfocal Distance bei 50 mm, f/8, Fokus auf 3 m: Schärfentiefe reicht von etwa 1,8 m bis Unendlich. Bei f/11 dehnt sich das auf 1,4 m bis Unendlich. Wer in der Friedrichstraße arbeitet, hat damit eine Schärfezone, die alles abdeckt, was näher als sieben Schritte vom Kamerastandort entfernt ist — und damit gibt es keinen Grund, durch den Sucher zu fokussieren.
Sucher-Disziplin Leica-M-Stil: Kamera in Handhöhe, kurz an das Auge, Bildausschnitt erfassen, Auslösen, Kamera ab. Die Bewegung soll unter einer Sekunde dauern. Wer länger braucht, fällt auf — und in Berlin Mitte 2026 fällt jeder auf, der länger als drei Sekunden mit der Kamera stehenbleibt.
Shoot from the Hip ist nach dem KUG-Urteil ein zweischneidiges Werkzeug. Es funktioniert technisch besser als je zuvor — moderne Sensoren mit ISO 6.400 und Festbrennweiten mit 28 mm oder 35 mm machen die Hüft-Aufnahme genauer als 2010 möglich. Es funktioniert rechtlich schlechter, weil die Hüft-Aufnahme per Definition ohne Erkennbarkeit der Fotosituation für die abgebildete Person stattfindet. In der Praxis: Hüft-Aufnahmen sind in Ordnung, solange das Resultat keine Detail-Identifizierbarkeit liefert. Was das heißt, ist von Fall zu Fall zu entscheiden.
Kamera-Wahl 2026
Leica M11-D: 60 MP, kein Display auf der Rückseite, kein Live View, kein Menü, das ablenkt. Wer auf das Display verzichten kann — und in der Street-Photography ist das eher ein Vorteil als ein Verzicht —, bekommt die fokussierteste Arbeitskamera, die der Markt 2026 hat. Body um die 9.000 Euro. Mit einem Summicron 35 mm f/2 (3.500 Euro) ergibt das eine Kombination, die so leise ist wie nichts anderes am Markt.
Ricoh GR IIIx: APS-C-Sensor, fester 40-mm-Äquivalent f/2.8, Snap-Focus-Mode (voreingestellte Fokusdistanz, Auslöser-Verzögerung unter 0,2 Sekunden). Body um die 1.100 Euro. Die GR-Reihe ist seit Jahren die heimliche Referenz für Street, weil sie in die Jackentasche passt und im Snap-Mode schneller arbeitet als jede Spiegellos-Kamera.
Fuji X100VI: 40 MP, fester 23-mm-Objektiv f/2 (35-mm-Äquivalent), hybrider Sucher (optisch und elektronisch), Body um die 1.800 Euro. Die X100-Serie hat sich in den letzten zehn Jahren zur populärsten Street-Kamera entwickelt, und die VI-Version ist die ausgereifteste Variante.
Vier Beobachtungen aus drei Wochenenden
Die folgenden vier Bilder existieren — als Negative oder als Raw-Dateien, je nach System —, sind im aktuellen Heft aber nicht abgedruckt. Sie taugen besser als Beschreibung.
Hackescher Markt, Samstag 11:42 Uhr. Zwei Frauen warten an der Bus-Haltestelle in der S-Bahn-Unterführung. Eine steht, raucht, schaut auf das Telefon. Die andere sitzt auf der Bank, blickt ohne Brille in mittlere Distanz. Beide tragen Mäntel, die zu warm sind für den Tag — die eine grau, die andere senffarben. Das Bild funktioniert, weil zwischen den beiden ein Abstand von vielleicht 80 cm liegt, der nichts mit Vertrautheit oder Fremdheit zu tun hat, sondern nur mit der zufälligen Konstellation der Sitzordnung. 35 mm, f/5.6, 1/250.
Torstraße in Höhe Linienstraße, Sonntag 14:08 Uhr. Ein Lieferradfahrer mit gelber Box auf dem Gepäckträger, vor einer Hauswand, deren obere Hälfte ein verblasstes Werbeschild aus den Achtzigern trägt. Der Fahrer ist im Halbprofil, von hinten getroffen, das Gesicht im Schatten der Kapuze nicht erkennbar. Das Bild lebt von der Diagonale, die das Rad vom unteren rechten Bilddrittel ins obere linke zieht. 50 mm, f/8, 1/500.
Mitte-Museum, Samstag 15:24 Uhr. Ein Tourist mit aufgeklapptem Stadtplan, von der Seite. Er trägt eine olivgrüne Wachsjacke, die nicht zum sonstigen Mai-Wetter passt, und liest mit konzentrierter Stirn. Was das Bild interessant macht, ist nicht der Tourist, sondern der zweite Mann im Hintergrund — ein Anwohner, der mit Einkaufstasche vorbeigeht und im Moment des Auslösens den Kopf zur Seite dreht. 35 mm, f/4, 1/320.
Rosenthaler Platz, Sonntag 8:14 Uhr. Eine Postbotin steht mit ihrem gelben Wagen vor einem Hauseingang, sortiert Briefe. Hinter ihr läuft eine Frau mit Kinderwagen vorbei, die Bewegungsunschärfe zeigt. Das Licht ist tief und kommt von links — Mai-Morgen-Licht, das in Berlin eine Wärme hat, die in keiner anderen Jahreszeit reproduzierbar ist. 50 mm, f/4, 1/250.
Was Street 2026 in Berlin schwieriger macht, ist nicht das KUG. Es ist die Tatsache, dass jeder Passant ein Smartphone trägt und in der eigenen Aufnahme nichts Beunruhigenderes sieht als eine fremde Kamera.
Was 2026 schwerer geworden ist
Mehrere Veränderungen, alle nichtjuristisch:
Smartphones. Praktisch jeder Passant ist sich der eigenen Fototechnologie bewusst und reagiert auf fremde Kameras misstrauischer als 2015. Die Selbstverständlichkeit, mit der eine Leica M früher als „etwas Anderes” wahrgenommen wurde — als Werkzeug, nicht als Bedrohung —, ist 2026 nicht mehr verlässlich.
Datenschutz-Bewusstsein. Auch unabhängig vom KUG-Urteil ist die Sensibilität für Bildrechte gewachsen. Wer 2015 fotografiert wurde, hat geschmunzelt. Wer 2026 fotografiert wird, fragt nach.
Verdacht. In Bereichen mit Tourismus-Konzentration (Hackescher Markt, Alexanderplatz) wird jede Kamera mit Tele-Objektiv von Sicherheitspersonal angesprochen. 50 mm und kürzer ist unauffällig, 85 mm und länger ist 2026 ohne Stativ-Erlaubnis in Innenstadt-Bereichen praktisch nicht mehr machbar.
Was 2026 leichter geworden ist
ISO 6.400 als Normalfall. Was 2010 noch eine technische Hürde war, ist 2026 ein Setting, das man nicht mehr diskutiert. Verfügbare Lichtsituationen, die früher Stativarbeit erforderten, sind heute aus der Hand zu fotografieren.
Digitale Sucher. Die Live-Histogramme moderner Sucher zeigen Belichtungsfehler vor der Auslösung. Wer Schwarzweiß-Mode im Sucher aktiviert, sieht die Komposition ohne Farbablenkung — das hilft beim Erkennen von Mustern und Linienführungen.
Kompakte Hochleistungs-Bodys. Eine Ricoh GR IIIx oder eine Fuji X100VI ist 2026 eine Kamera, die fotografisch dem nicht nachsteht, wofür man vor zehn Jahren eine M9 mit Summicron brauchte — bei einem Bruchteil von Preis, Gewicht und Aufmerksamkeit.
Befund
Street Photography in Berlin Mitte ist 2026 weder einfacher noch schwerer geworden — sie ist anders geworden. Wer den eigenen Bezirk liest, statt Cartier-Bresson nachzuahmen, hat die richtige Strategie. Die rechtliche Schwelle ist klarer, die technische niedriger, die soziale höher. Das ergibt zusammen ein Arbeitsfeld, in dem die brauchbaren Bilder seltener werden — und vielleicht genau deswegen wertvoller.